Liber...censualium (1187) (BayHStA HL Freising 6)
Das Zensualen-Traditionsbuch wurde als Kopialbuch im Freisinger Skriptorium Ende des 12. Jahrhunderts angelegt. Die Vorlagen der ältesten Einträge stammen aus dem letzten Viertel des 11. Jahrhunderts. Zensualen begaben sich meist gegen jährliche Zinszahlung in den Schutz der Kirche. Die "libri censualium" sind eine der wichtigsten Quellen zur Sozialgeschichte Bayerns im 11.-13. Jahrhundert.
zum Angebot
Bedeutung
Das Zensualen-Traditionsbuch des Domkapitels Freising, betitelt Noticia censualium mancipiorum specialiter ad oblationem fratrum pertinentium (fol. 2 und ebenso auf fol. 7) wurde gegen Ende des 12. Jahrhunderts angelegt.
Es gehört zu den 'libri censualium' des bayerisch-österreichischen Raumes, die 'eine unerschöpfliche Fundgrube für die Untersuchung der (sozialen Schicht der) Zensualen sind, über die wir sonst so gut wie überhaupt nichts wüssten' (Ph. Dollinger, Der bayerische Bauernstand, S. 23). Diese Kirchenzinsleute zeichnet nicht die Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe aus, sondern ihre Bindung an das Hochstift. Sie begaben sich häufig durch die Aufgabe ihrer persönlichen Freiheit in den Schutz der Kirche, meist gegen einen jährlichen Kopfzins von fünf Denaren, der zum Unterhalt der Freisinger Domherren verwendet wurde. Aber auch adelige Personen, vor allem Frauen, flüchteten sich in den Schutz der Bistumsheiligen, der hl. Maria und des hl. Corbinian.
Bayerische Grafen, so vor allem Otto I. von Scheyern (1072) und sein Sohn Otto II. (1072-1110), die beide auch Vögte der Freisinger Bischöfe und des Domkapitels waren, oder 1187 Gebhard von Sulzbach (vgl. fol. 16) schenkten um des eigenen Seelenheiles willen unfreie Dienstleute, 'servientes', an Freising oder schützten mittels Traditionen an Freising Mitglieder aus ihren Ministerialenfamilien sowie deren Vermögen vor den Forderungen von Angehörigen.
Der im 12. Jahrhundert zu beobachtende Aufstieg unfreier sozialer Gruppen im Bereich von Städten und Bischofssitzen erfolgte im bayerisch-österreichischen Raum oft durch Freilassung in die Zensualität, also mittels einer persönlichen Schutzübertragung an die Bischofskirche und deren Patrone, und zwar in der für das Mittelalter typischen Kombination von Freiheit und Bindung. Demzufolge fand damals ein gründlicher Wandel in der sozialen Umgebung des Freisinger Bischofs statt, was sicher mit der Urbanisierung des Bischofssitzes zusammenhängen dürfte. Denn das Zensualen-Traditionsbuch des Domkapitels Freising führt häufig auch Personen aus der Schicht der 'suburbani' unter den Tradenten an, die sich selbst oder ihr Dienstpersonal dem Hochstift übergaben.
Beschreibung der Handschrift
Die Handschrift besteht aus insgesamt 49 Blättern, nämlich dem Zensualen-Traditionsbuch für das Domkapitel von fol. 2 bis fol. 34 mit drei vollständigen Lagen, fol. 2-25, einer Einbindung als fol. 26 und 33 und einer unvollständigen vierten Lage. Auf fol. fol. 34v Zeile 4 markiert ein Randkreuz das Ende des Kopialbuches. Fol. 35 bis 49 ist eine Fragmentensammlung, welche offenbar noch nicht zur Handschrift gehörte, als Karl Meichelbeck OSB (1669-1734) seine 'Historia Frisingensis' zwischen 1724 und 1729 schrieb. Fol. 1 ist ein Vorsatzblatt mit einem aus einer Handschrift des Johannes-Evangeliums eliminierten Text: Joh. 4, 10-33, Jesus mit der Samariterin am Jakobsbrunnen.
Das Zensualen-Traditionsbuch enthält im Haupttext über 100 Einzeltraditionen, meist in einer Länge von 2 bis 7 Zeilen. Es wurde in brauner Tinte von zwei Händen Ende des 12. Jahrhunderts geschrieben, mit 32 und 46-48 Buchstaben pro Zeile. Am unteren Blattrand zeigt sich auf allen Seiten eine Fortschreibung des Traditionsbuchs durch weitere Einträge von Zensualenverträgen des 12. und 13. Jahrhunderts. Die Anlage dieses Registerbuches könnte durch Kontakte zur bischöflichen Kanzlei in Regensburg im Jahre 1187 veranlasst worden sein. Federführend dürfte Conradus Sacrista gewesen sein, der damals auch eine Kopie des 'Liber traditionum' des Cozroh anfertigte. Die ältesten kopierten Texte reichen mehr als drei Generationen in die Amtszeit Bischof Meginwards (1078-1098) zurück. Mit der Anlage dieses Registerbuches war beabsichtigt, eine Art 'Stammbuch' der dem Schutz Freisings zugehörenden Familien anzulegen, einerseits um Herkunft und Rechtsübertragungen festzuhalten, andererseits um eine Fortschreibung der Bindungen den nächsten Generationen zu ermöglichen.
Ein Beispiel eines frühen Schutzvertrages ist in der Fragmentensammlung der Handschrift HL Freising 6 als Authenticum auf fol. 43 überliefert, ediert als TF 1474 von Theodor Bitterauf. Mit dieser Urkunde flüchtete sich die 'nobilis femina nomine Engila' zur Zeit Bischof Meginwards (1078-1098) in den Schutz der hl. Maria zu Freising, allerdings ohne dafür einen jährlichen Kopfzins bezahlen zu müssen.
Die Handschrift zog Theodor Bitterauf für seine Edition der Freisinger Traditionen heran. Sie trägt dort die Sigle D (Beschreibung bei Bitterauf auf S. XXXVI-XXXV).
Adelheid Krah (IOeG, Universität Wien)
Literatur
- Philippe Dollinger, Der bayerische Bauernstand vom 9. bis zum 13. Jahrhundert. Vom Verfasser autorisierte Übersetzung aus dem Französischen von Ursula Irsigler, hg. v. Franz Irsigler, München 1982.
- Karl Brunner, Herzogtümer und Marken. Vom Ungarnsturm bis ins 12. Jahrhundert. Österreichische Geschichte 907-1156, hg. v. Herwig Wolfram, Wien 1994, Zinsleute S. 415-419 [pdf].
- Stephan Kellner, Adelheid Krah, Vom digitalen Faksimile zur Online-Edition. Das Projekt der Digitalisierung und Neuerschließung der wertvollsten Freisinger Amtsbücher im Bayerischen Hauptstaatsarchiv, in: Archive in Bayern Band 6, Neustadt an der Aisch 2010, S. 149-164 [pdf].
- Adelheid Krah, Adel, Ministerialen und Arbeitskräfte im Schutz der hl. Maria und des hl. Corbinians. Die Personengruppen des Liber...Censualium (im Msk.).
- Knut Schulz, Zensualität und Stadtentwicklung im 11./12. Jahrhundert, in: Bernhard Diestelkamp (Hg.), Beiträge zum hochmittelalterlichen Städtewesen. Städteforschung A/11, Köln, Wien 1982, S. 72-93.
- Ders., Freikauf in der Gesellschaft des Hochmittelalters. Dargestellt an bayerischen Quellen, in: Uwe Bestmann u. a. (Hg.), Hochfinanz Wirtschaftsräume Innovation (Festschrift für Wolfgang von Stromer Bd. 3) Trier 1987, S. 1197-1226.
- Ders., Zensualen, Zinsleute, Zensualität, in: Lexikon des Mittelalters Bd. 9, München 1998, Sp. 530-534.
- Joachim Wild, Libri censualium, in: Gerhard Hetzer, Bodo Uhl (Hg.), Festschrift Hermann Rumschöttel zum 65. Geburtstag (Archivalische Zeitschrift 88) Bd. 2, Köln, Wien 2006, S. 1105-1122 [pdf].
Hinweise zur Benutzung
Die Handschrift liegt in einer Blätterversion vor. Sie ist durch eine wissenschaftliche Online-Edition erschlossen.
![]() |
![]() |
Zuletzt aktualisiert: 13. September 2011


