Bavaria. Landes- und Volkskunde des Königreichs Bayern
Die Bavaria ist eine zwischen 1860 und 1867 erschienene Landesbeschreibung des Königreichs Bayern. Sie behandelt Naturraum, Volkskunde und Geschichte der acht Kreise (Regierungsbezirke) Bayerns. Auftraggeber war König Maximilian II. von Bayern (1848-1864), die Herausgabe besorgte der Kulturhistoriker Wilhelm Heinrich (von) Riehl (1823-1897). Für die Volkskunde ist die Bavaria eine Quelle von hoher Bedeutung.
Inhaltsverzeichnis
Entstehung
Seit dem ausgehenden 18. Jahrhundert bestanden Pläne zu einer umfassenden historisch-topographisch-statistischen Beschreibung Bayerns. Durch König Maximilian II. (1848-1864) erfuhren derartige Projekte nicht nur einen neuen Aufschwung, sondern erhielten durch das dezidierte Interesse des Königs für die Volkskultur neue inhaltliche Impulse.
Noch als Kronprinz beauftragte Maximilian 1846 den Maler und Schriftsteller Joseph Friedrich Lentner (1814-1852), eine „Ethnographie“ Bayerns zu erstellen. Das Material umfasste bei Lentners Tod 1852 zwölf Foliobände. Die Arbeiten führte dann der Schriftsteller Eduard Fentsch (1814-1877) fort.
1854 übernahm der Kulturhistoriker Wilhelm Heinrich (von) Riehl (1823-1897) im Auftrag des Königs die Arbeiten an der Ethnographie. Auf Wunsch des Königs wurde 1856 das Konzept erweitert und unter Leitung Riehls eine umfassende systematische Darstellung der bayerischen Landes- und Volkskunde erarbeitet.
Ein derartig umfangreiches Werk war von einer Person nicht mehr zu bewältigen. Es entstand daher ein Sammelwerk, an dem rund 50 Gelehrte mitwirkten. Riehl übernahm, unterstützt von Felix Dahn (1834-1912), die Redaktion der von 1860-1867 veröffentlichten Bände. Da er als Redakteur für inhaltliche Fragen nicht zuständig war, konnte Riehl dem Werk nicht so seinen Stempel aufdrücken, wie er es gewünscht hatte.
Die im Vorwort des ersten Bandes für den letzten Band angekündigte Überschau der statistischen, topographischen und historischen Verhältnisse des ganzen Landes kam nicht zustande.
Gliederung
Die Bavaria erschien in vier Bänden mit jeweils zwei Teilbänden, also in insgesamt acht Bänden. Der Stoff selbst ist in vierzehn Bücher gegliedert. Beschrieben werden die acht damals bestehenden Kreise (Regierungsbezirke) Bayerns.
Die Beschreibung jedes Kreises gliedert sich in drei Teile:
- Naturwissenschaftliche Darstellung
- Volkskunde
- Abriss der Ortsgeschichte
Innerhalb der drei Teile wurden nach einem festen, nur gelegentlich veränderten Schema verschiedene Problemfelder abgearbeitet:
- Naturwissenschaftliche Darstellung:
- Geognostische Verhältnisse
- Grundzüge der Klimatologie
- Vegetationsverhältnisse
- Die Tierwelt
- Volkskunde
- Einleitung: Das Land als Grundlage des Volkslebens. Statistik
- Geschichts- und Kunstdenkmale
- Haus und Wohnung
- Volkssagen
- Mundart
- Volkssitte
- Volkstracht
- Nahrung
- Volkskrankheiten und Volksmedizin
- Betriebsamkeit (Landwirtschaft, Bergbau, Industrie, Handel, Gewerbe)
- Geschichte von Volksbildung und Unterricht
- Abriss der Ortsgeschichte
- Allgemeiner Teil
- ggf. große Städte
- Einzelne Landgerichte
In der Büchergliederung des Werks (die nicht mit der Bandgliederung identisch ist) wurden die Volkskunde und Ortsgeschichte jedes Kreises in einem Buch zusammengefasst, während die naturwissenschaftliche Darstellung ein eigenes Buch erhielt. Während aber für jeden Kreis ein eigens Buch für Volkskunde und Ortsgeschichte entstand, wich man bei der naturwissenschaftlichen Darstellung von der Kreisgliederung ab und orientierte sich an Naturräumen, so dass es hier nur sechs Bücher gibt: Für die Kreise Oberbayern, Niederbayern und Schwaben entstand nur eine einzige naturwissenschaftliche Darstellung, die nördlich der Donau gelegenen Teile Schwabens und Niederbayerns wurden in anderen Bänden mitbehandelt. Für die fränkischen Kreise wurden eine Reihe von naturwissenschaftlichen und volkskundlichen Beiträgen für Gesamtfranken erstellt. Im abschließenden Band über die Pfalz verzichtete der Bearbeiter im Abriss der Ortsgeschichte auf die Darstellung der einzelnen Städte und Landgerichte.
Das topographisch-statistische Handbuch des Königsreichs Bayern
Als fünfter Band der Bavaria gilt das „Topographisch-statistische Handbuch des Königreichs Bayern“. Dieses entstand selbständig und unabhängig von den Bemühungen Riehls, wurde aber von Anfang an als „Supplement“ der Bavaria angesehen. Es erscheint daher regelmäßig als Band V der Bavaria.
Das topographisch-statistische Handbuch war das erste seiner Art für Bayern. Es enthält statistische Angaben und Beschreibungen zu Bayern, den Kreisen, Bezirksämtern und Landgerichten. Erstmals bot das Handbuch auch ein alphabetisches Verzeichnis aller in Bayern gelegenen Orte.
Bearbeiter des Handbuchs waren bayerische Offiziere.
Bandübersicht
- Band I: Oberbayern- und Niederbayern
- Erste Abtheilung (1860)
- Erstes Buch: Naturwissenschaftliche Darstellung des bayerischen Süddonau-Gebietes
- Zweites Buch: Oberbayern [Volkskunde]
- Zweite Abtheilung (1860)
- Zweites Buch: Oberbayern [Abriss der Ortsgeschichte]
- Drittes Buch: Niederbayern [Volkskunde, Abriss der Ortsgeschichte]
- Erste Abtheilung (1860)
- Band II: Oberpfalz und Regensburg. Schwaben und Neuburg
- Erste Abtheilung: Oberpfalz und Regensburg (1863)
- Viertes Buch: Naturwissenschaftliche Darstellung des ostbayerischen Grenzgebirges
- Fünftes Buch: Oberpfalz und Regensburg [Volkskunde, Abriss der Ortsgeschichte]
- Zweite Abtheilung: Schwaben und Neuburg (1863)
- Sechstes Buch: Schwaben und Neuburg [Klimatologie, Volkskunde, Abriss der Ortsgeschichte]
- Erste Abtheilung: Oberpfalz und Regensburg (1863)
- Band III: Oberfranken. Mittelfranken
- Erste Abtheilung: Oberfranken (1865)
- Siebentes Buch: Naturwissenschaftliche Darstellung des oberfränkischen Gebietes
- Achtes Buch: Oberfranken [Volkskunde, Abriss der Ortsgeschichte]
- Zweite Abtheilung: Mittelfranken (1865)
- Neuntes Buch: Zur Naturkunde des mittelfränkischen Gebietes [ohne Klima und Tierwelt]
- Zehntes Buch: Mittelfranken [Volkskunde, Abriss der Ortsgeschichte]
- Erste Abtheilung: Oberfranken (1865)
- Band IV
- Erste Abtheilung: Unterfranken und Aschaffenburg (1866)
- Elftes Buch: Beschluß der naturwissenschaftlichen Darstellung der fränkischen Gebiete [ohne Klima und Tierwelt]
- Zwölftes Buch: Unterfranken und Aschaffenburg [Volkskunde, Abriss der Ortsgeschichte]
- Zweite Abtheilung: Bayerische Rheinpfalz (1867)
- Dreizehntes Buch: Naturwissenschaftliche Darstellung der Rheinpfalz
- Vierzehntes Buch: Die Rheinpfalz [Volkskunde, Abriss der Ortsgeschichte]
- Erste Abtheilung: Unterfranken und Aschaffenburg (1866)
- Band V: Topographisch-statistisches Handbuch des Königreichs Bayern, nebst alphabetischem Ortslexikon (1867/68)
- Erste Abtheilung
- Regierungsbezirk Oberbayern
- Regierungsbezirk Niederbayern
- Regierungsbezirk Oberpfalz und Regensburg
- Zweite Abtheilung
- Regierungsbezirk Oberfranken
- Regierungsbezirk MIttelfranken
- Regierungsbezirk Unterfranken und Aschaffenburg
- Dritte Abtheilung
- Alphabetisches Ortsregister
- Alphabetisches Verzeichnis der sämmtlichen Gewässer in Bayern
- Erste Abtheilung
- Kartenband, 1866
- Bayernkarte (ohne Rheinpfalz)
Literatur:
- Florian Simhart, Wilhelm Heinrich Riehls „Wissenschaft vom Volke“ als konzeptueller Rahmen seiner Landes- und Volkskunde, in: Zeitschrift für bayerische Landesgeschichte 40 (1977), 445-499.
- Walter Hartinger, König Max II. und die bayerische Volkskultur, in: Zeitschrift für bayerische Landesgeschichte 52 (1989), 353-372.
Wissenschaftliche Bedeutung
Als umfassende naturwissenschaftlich-volkskundlich-historische Beschreibung aller bayerischen Regierungsbezirke ist die Bavaria ohne Nachfolger geblieben.
Wissenschaftliche Bedeutung hat die Bavaria bis heute für die Volkskunde, da hier erstmals eine umfassende volkskundliche Darstellung – Wohnung, Kleidung/Tracht, Mundart, Ernährung, Sagen – aller bayerischen Regionen erfolgte. Diese Teile basieren zu erheblichen Teilen auf den Ergebnissen der Feldforschungen Lentners, deren Darstellung Felix Dahn erheblich überarbeitete (vgl. I,1 S. 278-279).
Unter dem Einfluss der Gebrüder Grimm sah Dahn Sagen und Sitten als christlich überlagerte Zeugnisse heidnisch-germanischer Traditionen. Da die Bavaria als quasi amtliche Landesbeschreibung eine große Breitenwirkung hatte, machte sie diese – heute falsifizierte – Theorie weiten Kreisen bekannt. Die Bavaria ist somit nicht nur volkskundliche Quelle, sie hat gleichzeitig auch das Studienobjekt selbst beeinflusst und verändert.
Florian Sepp
Hinweise zur Benutzung
Die Bände stehen als Bilddateien zur Verfügung. Die Erschließung erfolgt über das Inhaltsverzeichnis.
Angaben zum Projekt
Das Angebot wurde im Juli 2008 frei geschaltet.
Zuletzt aktualisiert: 15. März 2011
